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Wandern durch die Wildnis

Mit dem Rucksack durch Skandinavien - Teil 4. Florian und Matthias erzählen diesmal, wie es ihnen bei ihrer Wanderung durch die unberührte Natur ergangen ist. Eines ist schnell klar: dieser Weg wird kein leichter.

Der Weg ist das Ziel. Diese Redewendung verwendet man gerne, wenn man meint, dass der Weg so schön und das eigentliche Ziel gar nicht so wichtig ist. Doch wir meinen diese Redewendung wörtlich. Unser Ziel ist es, den richtigen Weg zu finden. Wo wir wandern gibt es nämlich keine als Wanderwege ausgeschilderten Wege. Es gibt unbeschilderte Trampelpfade und mit roten Andreaskreuzen gekennzeichnete Wege. Nach kurzer Zeit wechseln wir vom unbeschilderten Trampelpfad auf den Weg des Roten Kreuzes. Und anfangs läuft es sich hier prima!

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Was für ein Weg! Geradezu eine Prachtstraße! Doch nach kurzer Zeit ändert sich das Bild. Plötzlich stehen die Andreaskreuze nicht mehr am Rande dieser Prachtstraße, sondern mitten in der Botanik.

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Kein Weg führt dorthin. Wie soll man da nur hinkommen? Antwort: Mit einem Motor-Ski-Gefährt. Wie sich herausstellt, markieren die roten Kreuze nämlich einen Weg für genau solche Gefährte. Aber wie sollen die denn durch dieses Gestrüpp kommen? Gute Frage. Die einfache Antwort lautet: Im Winter. Wenn Schnee liegt. Wir verabschieden uns also vom roten Kreuz und folgen dem Trampelpfad.

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Auf dem Holzweg

Ein Problem gelöst. Das nächste steht vor der Tür: Die Beschaffenheit der Wege. Anfangs sind sie nur ein wenig matschig. Doch der Weg führt durch immer sumpfigere Gebiete. So sumpfig, dass sogar extra Holzstege errichtet wurden.

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Der Weg beginnt als Trampelpfad und wird als Holzsteg weitergeführt. Wie notwendig diese Stege sind zeigt sich hier:

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Der Untergrund steht teilweise komplett unter Wasser. Ohne die Stege würde man mindestens bis zum Knöchel, wenn nicht gar bis zu den Knien einsinken. Mit der Zeit werden die Stege immer abenteuerlicher. Wir kommen uns vor wie in einem Real-Life-Jump-n-Run-Spiel.

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Die Stege sind oft wackelig, nicht immer direkt verbunden. Dazu kommt, dass wir ja immer noch unsere 20kg-Rucksäcke aufhaben. Ein weiteres Problem ist das Wetter. Von einstelligen Graden kann hier nicht die Rede sein. Die Sonne brennt vom Himmel, es hat fast 30 Grad. Schon lange haben wir unsere Jacken ausgezogen und Hosen gekürzt, aber die dicken Wanderstiefel müssen bleiben.

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Dieser Weg wird nicht geräumt

So paradox das klingen mag, unser nächstes Problem ist der Schnee.

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Der Weg endet einfach im Schnee. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens: Wo genau geht der Weg weiter?

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Und zweitens: Wie kommen wir da hin? Das ist ja nur eine dünne Schneeschicht, denken wir anfangs, aber kaum zwei Füße auf die Schneedecke gesetzt sinken wir bis zum Knie ein.

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Die Schneedecke ist also teilweise wesentlich tiefer als sie aussieht. Das lässt sich aber nicht erkennen. Mit dem zusätzlichen Gewicht auf dem Rücken sinkt man aber natürlich noch schneller ein. Wir müssen also versuchen die Schneefelder zu umgehen. Zur Belohnung gibt es immer wieder eine ganz schöne Aussicht zu sehen.

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Auf dem Wasserweg

Wasser ist unser ständiger Begleiter. Entweder als Schnee in der Ferne, oder als Schnee auf dem Weg. Entweder als Fluss in der Ferne, oder als Fluss unterm Weg.

Manchmal auch als Bach auf dem Weg. Schon lange haben wir uns daran gewöhnt, dass unsere Schuhe ständig nass sind. Das ist eben Wandern in der Wildnis. Doch plötzlich stehen wir vor einem neuen Problem.

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Der kleine Bach im Bild ist unser Weg, und auch wenn man es schlecht erkennen kann, er führt direkt unter einem Zaun durch. Ein Zaun. Mitten im Nichts direkt auf unserem Weg! Ein Blick auf die Karte lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich um einen Nationalpark handelt. Diese Information bringt uns leider nichts, denn der Weg geht direkt durch den Zaun! Ein Versuch diesen zu öffnen scheitert. Was tut man in so einer Situation? Wir entscheiden uns dafür, am Zaun entlang zu gehen. Mitten durch die absolute Botanik. Direkt durch den dürren Wald. Die Äste zerkratzen uns Arme und Beine. Unter unseren Füßen knirscht das morsche Holz, dann schmatzt es, weil wir mal wieder in einem kleinen Sumpf eingesunken sind. Das Problem ist, dass man einfach nicht erkennen kann wo man hinlaufen kann ohne einzusinken. Es sieht alles irgendwie gleich aus.

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Wir stapfen also am Zaun entlang, stoßen irgendwann auf ein riesiges Loch darin, über mehrere Meter ist er offen, wir gehen durch und am Zaun entlang wieder zurück zum Weg. Kurz darauf kommen wir an eine Schutzhütte. Diese finden sich immer wieder am Weg, kleine Hütten, zum Grillen oder gar Schlafen. Aber diese erfüllt ihren Zweck irgendwie nicht mehr so ganz.

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Sie ist umgeben von dezimeter-dicken Schneeschichten und steht größtenteils unter Wasser. Auf der Bank davor machen wir eine Pause und ziehen unsere durchtränkten Schuhe aus. So sitzen wir also barfuß und in kurzer Hose vor einem Schneefeld mehr als 100 Kilometer nördlich des Polarkreises und frieren kein bisschen – so hatten wir uns das irgendwie nicht vorgestellt.

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Auf dem Höhenweg

Zu all den bisherigen Problemen kommt jetzt auch noch die Steigung. Auf der Karte führt der Weg schön am Berg entlang, aber in der Wirklichkeit führt der Weg über jeden Berggipfel, der sich finden lässt. Damit lassen wir irgendwann die Baumgrenze hinter uns.

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Der Vorteil ist, der Weg wird besser. Anfangs kämpfen wir noch mit Schnee, Matsch und Bächen, doch mit der Höhe wird der Untergrund felsiger.

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Der Weg wird fast zur Kletterpartie. Wir steigen über große Felsen, stets bergauf.

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Ständiger Begleiter ist der Schnee. Große Schneefelder überall. Der Himmel zieht etwas zu, es wird wolkiger und auch windiger.

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Dann sind wir auf dem Gipfel. Sieben Stunden nachdem wir in Kiruna losgegangen sind stehen wir auf irgendeinem Berg in Lappland.

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Keine Ahnung was auf dem Schild steht, aber ich zeige mal freudestrahlend (oder auch geisteskrank, mittlerweile kann ich den Gesichtsausdruck nicht mehr ganz deuten) drauf. Der Himmel hat wieder ein wenig aufgeklart, ein heftiger Wind bleibt trotzdem (vermutlich auch wegen der Höhe) und die Aussicht ist gar nicht mal so schlecht.

Sie haben ihr Ziel nicht erreicht

Äußerst schlecht ist aber unsere Aussicht hinsichtlich unseres Tageszieles. Ein Blick auf die Karte sagt uns, dass wir wohl auf dem Eatnamvarri sind. 790 Meter hoch, damit haben wir heute vermutlich über 300 Höhenmeter überwunden. Aber leider nicht einmal ein Drittel unserer Tagesetappe. Es ist 19 Uhr und auch wenn die Sonne noch lange keine großen Anstalten macht unterzugehen, so schaffen wir den Rest heute definitiv nicht mehr. Es ist sogar fraglich, ob wir die restlichen Etappen schaffen. Der Weg hierher war gelinde gesagt äußerst mühselig. Die Schneefelder, das ewige Einsinken im Matsch, die nicht begehbaren Wege, das viele Wasser, das die Wege unter Wasser setzt – wir kommen viel viel langsamer voran als geplant, und das liegt nicht an unserer eventuell mangelhaften Kondition, sondern an den unbegehbaren Wegen, die einfach für den Winter ausgelegt sind.

Wir ändern unseren Plan. Wir verwerfen unser Tagesziel. Wir suchen uns in der Nähe einen Platz zum Zelten. Morgen wandern wir bis zur E10, einer großen Straße, an der wir einige Kilometer Richtung Abisko entlangwandern wollten. Dort fahren wir per Anhalter oder mit dem Bus einige Kilometer Richtung Abisko, beschummeln damit ein bisschen, aber holen wieder Zeit auf. Immerhin fehlt uns ja auch ein ganzer Tag zum Wandern. Wieder optimistisch genießen wir noch ein wenig die Aussicht.

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Doch dann meldet sich ein neues Problem. Uns geht das Trinkwasser aus.

Um Mitternacht gehen wir ins Bett. Aus dem Zelt heraus sehen wir immer noch das Alpenglühen am gegenüberliegenden Berghang. Wunderschön.

– Fortsetzung folgt –

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