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Camping-Urlaub im Feuerwehrauto

Eigentlich ist er Dirigent, doch in seiner Freizeit schraubt der Musiker Martin Wellmann an einem alten Feuerwehrwagen herum. Der ist schon 30 Jahre alt und begleitete Martin und seine Frau sogar mit in die Flitterwochen.

Ein Mercedes 208D aus der Baureihe T1. Da liegt als Namenspatronin die erste Autofahrerin der Welt, Bertha Benz, nahe. Martin Wellmann hat die Daten seines 30 Jahre alten Feuerwehrautos auswendig im Kopf: „Knapp fünf Meter lang, zwei Meter breit, 79 PS, zwei Tonnen Leergewicht und natürlich rot. Feuerrot. RAL3000, um genau zu sein.“ Maximale Geschwindigkeit? „Nächste Frage“, weicht der Dirigent aus. „Der Weg ist das Ziel.“

25 Jahre diente Bertha der Feuerwehr Frickingen

„Ein Bus wie Bertha war schon immer mein Traumauto“, erzählt Martin. Nach drei anderen fahrbaren Untersätzen fand er „seinen“ Bus schließlich im Internet. 25 Jahre nannte ihn die Feuerwehr Frickingen ihr Eigentum. Als Hobby-Schrauber erkannte der heute 32-Jährige die Vorteile des Wagens: „Ehemalige Feuerwehrfahrzeuge sind beliebt bei Campern und Weltreisenden wegen ihres trockenen Stellplatzes und der regelmäßigen Wartung durch eigene Feuerwehr-Wartungspläne. Dazu kommt die oft sehr niedrige Laufleistung.“

Zuerst stand Martin dem Kauf eher abgeneigt gegenüber. Als ihn aber der Besitzer anrief und von sich aus einen Preisnachlass anbot, schlug Martin zu und holte den Bus vom Bodensee an die Rems nach Großheppach. Das war im Herbst 2015. Seitdem ist Bertha ein alljährlicher Sommerbegleiter des Dirigenten und seiner Frau Darlene. Und ebenso alljährlich hat der Bus einige Veränderungen erfahren. 

Flitterwochen mit Bertha durch Österreich und Tschechien

Zuerst sollte eine Schlafmöglichkeit her. Aus Gründen der Platzersparnis aber nicht im, sondern auf dem Bus. Ein Dachzelt wurde gesucht, gefunden und montiert. „So entfiel bei Camping-Trips für uns das Umbauen von Sitz- auf Schlaffläche“, erzählt Martin. Dazu konnte Bertha immer noch als Neunsitzer für Auftritte mit seiner damaligen Band „Merry Judge“ genutzt werden. Ein Dachzelt ist für die beiden Wellmanns der gelungene Kompromiss zwischen Zelten und Wohnmobil, erklärt Martin: „Nah an der Natur, aber auch weit genug weg vom Boden. Das Zuhause dabei, aber kein Blech oder Sandwichkonstruktion zwischen sich und der Natur.“

Als Nächstes opferte Martin zwei Sitzplätze im Bus. Stattdessen wurde ein Tisch eingebaut, den der Dirigent selbst geschreinert hatte. Als Martin vor zwei Jahren seine Darlene heiratete, war klar, dass die Flitterwochen ein Campingurlaub mit Bertha werden sollten. Sie fuhren mit der alten Feuerwehr-Dame Richtung Bodensee, weiter nach Graz und Salzburg durch Österreich, ein Stück durch Tschechien und über Franken wieder zurück gen Heimat. Unfallfrei.

3500 Kilometer bis nach Dubrovnik - Kein Navi und keine Autobahnen

Für ihren zweiten gemeinsamen Urlaub mit Bertha wurde das alte Klappdachzelt von einem nur wenige Jahre alten Hartschalendachzelt abgelöst. Der Aufbau wurde dadurch noch leichter und im Herbst 2018 durfte der Feuerwehr-Oldie auf einer Reise bis nach Dubrovnik abermals seine Nehmerqualitäten unter Beweis stellen. Die etwa 3500 Kilometer über österreichische, slowenische, kroatische und bosnische Straßen meisterte sie mit Bravour „und größtenteils mit einem Verbrauch unter neun Liter“, erzählt Martin. Bei ihren Reisen haben die beiden Weltenbummler zwei Regeln: „Kein Navi und keine Autobahnen. Der Weg ist das Ziel. Meistens schauen wir am frühen Nachmittag auf der Straßenkarte nach einem Campingplatz, den wir ansteuern.“

Im vergangenen Jahr stand der nächste Umbau an. Wellmann baute Tisch und Sitze aus, um mit einem neuen Boden etwas mehr Komfort und Wohnlichkeit ins Fahrzeug zu bringen. „Ich habe ein Mehrschicht-Konstrukt eingebaut“, erklärt Wellmann sein Werk. „Aluminiumbutyl zur Schalldämmung, eine Siebdruckplatte als Trägermaterial, Trittschalldämmung und als oberste Lage ein Vinylboden. Verbesserung zum vorherigen Teppich: 100 Prozent.“ Voll und ganz zufrieden konnte Wellmann den Tisch und Sitzbänke wieder einbauen.

Bertha hat keine Ausstattung, dafür aber Charakter

Wie in den letzten Jahren fand Wellmann auch während der letzten Wochen einige Baustellen am Bus. Unter anderem sollte das Klappdachzelt wieder montiert werden. „So haben auch Familien, die über PaulCamper meinen Bus mieten eine Übernachtungsmöglichkeit“, erklärt Wellmann. Nebenher hatte er seine Bertha nämlich auf PaulCamper, einer privaten Wohnmobil-Sharing-Plattform angemeldet. Dort können sich Campingfreunde Bertha für Ausflüge oder Urlaube ausleihen. Damit es aber keine bösen Überraschungen gibt, warnt Wellmann auf der Plattform mögliche Interessenten: „Aufgrund seines ersten Lebens als Feuerwehrwagen, hat mein "Bussle" absolut keine Ausstattung. Keine Klima, keine Standheizung, keine Servolenkung, kein ESP, kein ABS, keine Start-Stop-Automatik, keine EFH, keine Sitzheizung. Dafür gibt‘s was, das hat nicht jedes Auto: Charakter.“

Wenn auch in den nächsten Wochen kein Probenbetrieb möglich ist, hat Wellmann noch genug Aufgaben auf seiner To-Do-Liste: „Ein Service und weitere Reparaturen stehen an. Auch der Rost ist noch nicht ganz besiegt.“ Sollte dem Dirigenten die Schrauberei an seiner Bertha einmal langweilig werden, dann hat er neben einem 30-jährigen Feuerwehrauto auch noch ein 72-jähriges Haus, das ebenfalls nach seiner Pflege ruft.

Wer sich Bertha einmal ausleihen will, kann über PaulCamper direkt mit Martin Wellmann Kontakt aufnehmen.

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