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Camper4all Magazin
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Per Anhalter durch Schweden?

Florian und Matthias wanderten zwei Tage durch die völlige Wildnis. Weil sie in ihrem Zeitplan hinterher sind, haben sie entschlossen, einen Teil der Strecke per Anhalter zu fahren. Ob das klappt?

Auch am zweiten Tag ist Haferbrei mit Honig kein Königsmahl, aber es ist unser Essen, das wir in der freien Natur gekocht haben. Irgendwie muss man sich alles ein bisschen schön reden. Diesmal haben wir zum Glück eine gute Wasserquelle. Wir füllen unseren Wasserkanister nochmal mit Seewasser auf und kochen in mehreren Durchgängen so viel Wasser ab, dass alle Flaschen randvoll sind. Diesmal sind wir gerüstet. Der Himmel ist wolkiger als gestern, es windet mehr – es verspricht fast schon ein angenehmer Wandertag zu werden. Fast schon schade, dass unsere Etappe heute so kurz ist.

Es fängt an wie es aufgehört hat: Sumpfig. Wir stapfen um den süd-östlichen Zipfel des Sees herum und haben plötzlich einen normalen Weg vor uns. Kein Sumpf, kein Matsch, sondern ein trockener, klar erkennbarer und begehrbarer Weg! Dazu kommt auch noch eine schöne Aussicht auf einen See, an dessen Ufer unser heutiges Zielt entlangführt, die Straße E10!

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Unsere Laune steigt. Und sie steigt weiter, denn der Weg bleibt so gut. Wir kommen wunderbar voran, laufen durch ein kleines Waldgebiet und nach nicht einmal einer Stunde sind wir plötzlich da. Wir stehen vor der sagenumwobenen E10, der Straße, die uns nach Kiruna bringen soll. Was soll jetzt noch passieren?

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Nichts. Und genau das ist das Problem. Es passiert nichts. Unser Plan A ist: Per Anhalter durch die Galaxis, nein, Moment, Per Anhalter nach Kiruna zu fahren. Plan B ist: Mit dem Bus nach Kiruna zu fahren. Nun, um per Anhalter zu fahren wäre es erst einmal hilfreich, wenn ein Auto kommen würde.

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So laufen wir zu Fuß Richtung Kiruna. Endlich kommt ein Auto! Allerdings aus der falschen Richtung. So laufen wir weiter, diese unendlich lange Straße, mit dem Gefühl keinen Zentimeter voranzukommen.

Irgendwann kommen tatsächlich Autos, sogar aus der richtigen Richtung. Ich bin noch nie per Anhalter gefahren. Habe aber schon viel von anderen gehört, die das erfolgreich gemacht haben. Man muss hart im Nehmen sein, je nach Standort nimmt dich von 10 Autos eines mit oder von 100 Autos eines. 100 Autos, da müssten wir vermutlich noch Jahre an der Straße stehen.

Als Anhalter muss man hart im Nehmen sein

Bei Anhaltern gibt es Sottiche und Sottiche, wie der Schwabe sagt. Die einen fahren einfach nur an dir vorbei. Die anderen zeigen dir einen Vogel, lachen, winken oder machen sogar ein Foto von dir. Als ich diese Geschichten gehört habe fand ich sie ziemlich amüsant. Jetzt stehe ich selbst am Straßenrand, halte in typischer Manier den Daumen raus und muss zusehen wie ein vorbeifahrender Fahrer mit seinem Smartphone ein Foto von mir macht. Irgendwie bin ich ganz und gar nicht amused. Eine alte Dame fährt vorbei und winkt uns fröhlich zu. Auch das kann mich nicht aufheitern. Machen wir es kurz. Keiner will uns mitnehmen. Andererseits, hätte ich uns mitgenommen?

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Wir verabschieden uns von dem Gedanken per Anhalter nach Kiruna zu fahren und fassen den neuen Plan, in der nächsten Stadt nach einem Bus Ausschau zu halten. Nach mehreren Kilometern kommen wir an in dieser Stadt.

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Was soll man von einer Stadt erwarten die klingt wie „Ja keine Lust, ja?“. Nun, zuerst einmal keine Stadt. Ein Dorf? Auch nicht. Ein Ort? Nein. Ein Örtchen? Es wird wärmer. Eine Häuseransammlung? Korrekt! Am Ende der oben zu sehenden Straße stehen drei Häuser.

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Ob hier wohl ein Bus hält? Wir sind uns da nicht so ganz sicher. Eine Bushaltestelle finden wir schonmal nicht. Ein Bus hätte auch nicht viel Möglichkeiten hier zu wenden. Es ist eine Sackgasse und die Wendeplatte wird als Abstellplatz für Autoschrott verwendet. Oder ist das Kunst?

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Die Schweden haben doch ein Rad ab! Wir essen erstmal gemütlich und machen uns schweren Herzens an die Umsetzung von Plan C: ein Taxi rufen. Nachdem wir in meinem Reiseführer keine Telefonnummer gefunden haben, kauft sich mein treuer Reisegefährte einen Internet-Tagespass und fängt an zu recherchieren.

Die ersten Menschen seit drei Tagen

Derweil kommt ein Auto in die Häuseransammlung. Eingeborene! Die ersten Menschen seit drei Tagen! Ich folge dem Auto zum Haus. Ein Ehepaar steigt aus. Ich frage sie, ob hier vielleicht Bus fährt. Nein. Ob sie so eine Taxi-Nummer hätten. Ja. Der Mann versucht mir in etwas brüchigem Englisch die Nummer zu sagen, da meint die Frau, dass sie auch anrufen und uns ein Taxi bestellen können. Super, da sage ich nicht nein. Er nimmt sein Handy, ruft an, spricht Schwedisch, ich muss meinen Namen ins Telefon sagen, dann hat sich die Sache. Wir reden noch ein bisschen über unsere Reise, dass wir von Kiruna kommen und wieder nach Kiruna wollen. Dann kommt mein treuer Reisegefährte und ich verkünde ihm die frohe Botschaft. Wir bedanken uns artig und verabschieden uns. Nette Leute. Dann warten wir.

Wenig später kommt das Taxi, wir laden ein und sind auf dem Weg nach Kiruna. Endlich. Die Fahrt kostet uns 600 Kronen, also knapp 60 Euro. Für zwei Personen und in Anbetracht der Strecke geht das.

Ab da ist die Reise entspannter. Am nächsten Tag kommen wir in Abisko an und wandern im dortigen Nationalpark. Gezeltet wird auf dem Campingplatz und nicht mehr in der Wildnis. So aufregend das Abenteuer auch war. Ein paar Bequemlichkeiten der Zivilisation, wie das fließende Wasser, wissen jetzt doch zu schätzen.

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